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ihre worte - neu geschrieben
  Gebhard Roese - Ihr Texter, Schriftsteller und Journalist.
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Sammelsurium im Sommerloch: Lolita

Was macht man als Journalist(in), um das Sommerloch zu füllen? Man könnte es mit dem Ungeheuer von Loch Ness versuchen, aber das interessiert sich nicht mehr für Sommerlöcher, weil Schottland auch ohne Seeungeheuer touristisch außerordentlich gefragt ist. Da gerade keine passenden Hurenaffären zur Verfügung stehen, hatte man fürs Sommerloch eigentlich Yvonne erfunden – nur sie ist leider eine Kuh, und wer interessiert sich auf Dauer schon für dumme Kühe?

Da endlich kam den deutschen Journalistinnen und Journalisten der Zufall zur Hilfe: „Wenn über eine alte Sache mal endlich Gras gewachsen ist, kommt sicher ein Kamel gelaufen, das alles wieder runter frisst“. Der Name des Kamels steht noch aus, der Name der Sache aber ist für den Verdummungsjournalismus klar: Lolitakomplex.

Ob Lolita-Affäre, Lolitagate (Süddeutsche) Lolita-gate, Lolita-Affäre, Lolitalapsus (FOCUS), „Lolita für Loser“ (Stern) oder Lolita-Komplex (Zeit) – überall wird der Name herumgeschleudert. Dabei wird verfälscht und geklittert, was das Zeug hält: Die literarische „Lolita“ war 12, die angebliche Lolita ist 16, und der wissenschaftlich klingende Begriff Lolita-Komplex stammt von einem Autor semi-erotischer Romane.

Ach, fragen Sie mich doch bitte nicht, was ich davon halte – Sommerloch ist Sommerloch, da legt man die Wahrheit nicht auf die Goldwaage. Fragt sich bloß, ob die Leserinnen und Leser der deutschen bürgerlichen Presse so dumm sind, auf die teils haarsträubenden Thesen der Kommentatorinnen und Kommentatoren hereinzufallen.

Abgeschmackte Bettszene oder "das Leben, wie es ist"?

Kulturkritiker – nehmen wir einmal an, das Schmalspurgebiet der Fernsehkritik würde dazuzugehören – maßen sich immer wieder an, Herren über die Sexualmoral zu sein. Man erkennt dies deutlich an den zahlreichen offenen und vielen heimlichen verrissen der Knicker-Knacker-Bürgerpresse , die sich am neuen Buch von Charlotte Roche versucht. Die meisten scheitern, weil „Schoßgebete“ nicht diejenige Art von Literatur ist, die sie kennen.

Doch davon soll nicht die Rede sein, sondern von Carsten Heidböhmes Kritik am Schweizer „Tatort“ von gestern. Der Film war in sich nicht vollständig logisch, aber handwerklich hervorragend gemacht. Und selbst Carsten Heideböhm muss erkennen, dass die Schweiz nun einmal nicht Deutschland ist – ein Schweizer Film muss nun einmal Schweizer Eigenarten haben.

Der Kern liegt aber darin, dass der STERN-Kritiker seinen Leser verkaufen will, im Film sei eine „abgeschmackte Bettszene“ enthalten. Nun, es gibt deren Zwei, und beide sind weder abgeschmackt noch überflüssig. Offenbar missfällt dem Kritiker die kühle Art, in der die erste Szene angelegt ist, nämlich so: Der Held und die Heldin arbeiten zusammen, und wer sehen kann, erkennt bald die etwas kühle Erotik zweier moderner Menschen, die Sex als Genuss, aber nicht unbedingt als emotionale Bindung sehen. Die Lustszene wird durchaus raffiniert, wenngleich äußerlich unglaubwürdig eingebunden: Da sind Tauben, die in das Zimmer der Dame eingedrungen sind, und ein Bett voller Vogelkot hinterlassen haben, und so muss man eben in „seinem“ Zimmer beieinander schlafen, woraus dann miteinander schlafen wird. Die Szene ist schon deshalb nicht abgeschmackt, weil sie nicht als morgendliche Kuschelromanze endet, sondern mit einem halb leeren Bett: Sie hat bekommen, was sie wollte, und das reichte ihr. In einem – wie ich meine – sehr sensiblen Dialog wird der ONS später noch einmal kommunikativ aufbereitet, und genau diesen Dialog hätte sich der Kritiker besser anhören sollen, um die Szene ganz und gar zu verstehen.

Die Frage bleibt, warum die deutsche Presse die neue Spießbürgerlichkeit pflegt. Menschen kommen heute nun einmal zusammen, haben Sex und verabschieden sich wieder. Die Frage kann dabei gar nicht sein, ob dies gut oder schlecht ist, sondern ob es mittlerweile häufig geschieht.

Daran kann nun allerdings kein Zweifel bestehen: Sex ohne Liebe ist ein neues Zeitphänomen, und es darf und soll auch so dargestellt werden.

Afghanistan: die Opposition und ihr Parlamentsscharmützel

Die Opposition hat in der Demokratie eine fest verankerte Aufgabe, und dazu gehört auch, die Regierung in jeder Hinsicht zu hinterfragen. Doch was SPD-Chef Sigmar Gabriel derzeit betreibt, ist ein Ränkespiel mit der Macht, das mit Opposition wenig zu tun hat: Man will den beliebten Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg jetzt schlicht und einfach absägen, bevor er sein Amt überhaupt vollständig übernommen hat. Zu Gutenberg erweist sich dabei Herrn Gabriel in jeder Hinsicht gewachsen, indem er sagt (Zitat): „Ich werde definitiv, auch wenn's mal stürmt, stehen bleiben. So bin ich erzogen worden – und so will ich das auch handhaben.“ Das sind Worte, die man sich schon lange von Politikern gewünscht hätte und die sich positiv von dem üblichen Herumeiern der anderer Politiker vor Mikrofonen abheben.

Offenbar hat Gabriel vergessen, dass die infrage stehenden Vorfälle während einer Zeit passierten, in der auch die Sozialdemokratie Regierungsverantwortung hatte und die SPD immerhin den Außenminister stellte, der sich über diese Vorgänge, wenn sie denn so relevant waren, ja wohl ebenfalls hätte informieren müssen.

Offenbar ist das, was Herr Gabriel jetzt vollführt, ein Ablenkungsmanöver: Das Volk steht nicht hinter dem Krieg in Afghanistan, und statt dies deutlich zu sagen, kreiert man ein Scharmützel im Parlament, um von einer anderen Wahrheit abzulenken – nämlich der, dass sich Deutschland in einen Krieg hat hineinziehen lassen, den kaum ein Deutscher wirklich unterstützt.

Zitat nach Informationen der WELT.