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ihre worte - neu geschrieben
  Gebhard Roese - Ihr Texter, Schriftsteller und Journalist.
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Frau Merkel, die Brille und das „entscheidende Jahrzehnt“

Ich weiß seit gestern etwas völlig Neues, und es ist so wichtig, dass ich es Ihnen unbedingt mitteilen muss:

„2010 beginnt ein neues Jahrzehnt, in dem sich vieles für unser Land entscheiden wird".


Wie interessant, dass Frau Merkel entdeckt hat, dass neue Jahrzehnte immer mit einer „Null“ am Ende anfangen – ich wäre selbst nie darauf gekommen. Natürlich wäre mir ohne diese wertvolle Bemerkung unserer durchgeistigten Frau Bundeskanzlerin ebenfalls völlig entgangen, dass sich in einem Zeitrahmen von 10 Jahren immer allerlei entscheidet – ich denke da mal so an das Jahr 2000 zurück.

Das Interessanteste an Frau Merkels Satz war aber das Wort „sich“. Offenbar hat die Regierungschefin längst den Glauben daran verloren, dass ihre Regierung irgendetwas entscheiden wird, was Deutschland wieder mit Volldampf nach vorne bringt. Nein, es wird „sich“ viel entscheiden.

Übrigens war das Interessanteste an der Rede der Bundeskanzlerin ohne jeden Zweifel die Brille, die sie trug – der Inhalt hingegen war enttäuschend. Wenn Neujahrsansprachen überhaupt einen Sinn haben sollen, dann müssen sie begeisternde Impulse setzen. Doch ich bitte Sie – wen begeistert schon der Satz „Manches wird gerade im neuen Jahr erst noch schwieriger, bevor es wieder besser werden kann“?

Keine Seifenoper, kein Duell: Merkel vs. Steinmeier

Man konnte es im Vorfeld schon gar nicht mehr hören, wie viel Werbung für das „Fernsehduell“ Merkel contra Steinmeier gemacht wurde. Dabei war sich jeder Szenenbeobachter klar, dass beide keine fernsehwirksamen Kontrahenten sind. Angela Merkel war ganz „Kanzlerin“, was bei ihr bedeutet, Konflikten mindestens nach außen niemals scharfe Konturen zu geben, und Frank-Walter Steinmeier ist eben Diplomat: Wenn er nichts zu verlieren hat, sagt er, wie es ist, wenn nicht, nutzt er blumige Worte.

Da erklärt der amtierende Bundesaußenminister auch schon mal, wie Politik funktioniert, und Frau Merkel gibt die Staatsmännin, indem sie „unsere“ Politik erklärt – eben auch die gemeinsame. Wirtschaftliche Reizthemen, bei denen beide nicht gut aussehen, wie beispielsweise die OPEL-Krise wurden mit den bereits bekannten Argumenten heruntergespielt. Wohltuend war, dass man die Scheindiskussion um „Soziale Gerechtigkeit“ auf beiden Seiten relativierte und in das Licht zurückgerückt, ind das Sie gehört: Man muss sie ständig neu anstreben, aber ganz erreichbar ist sie nie.

Nennenswerte Unterschiede waren ohnehin nur beim Mindestlohn, bei dem gelegentlich auch einmal ein Sachargument zu hören war – aber am Mindestlohn wird die Wahl nicht entschieden. Am Ende sah es denn wohl so aus, dass man beiden zutrauen würde, das Schiff „Bundesrepublik zu lenken“, solange das Fahrwasser halbwegs ruhig ist.

Wer ein Duell erwartet hatte, sah sich enttäuscht: Dazu fehlen wirklich auch die brisanten Themen – und die Seifenoper, die sich sicher mancher Moderator gewünscht hatte, kam auch nicht zustande. Die Republik scheint trotz Krise vor Seriosität zu strotzen – und das ist vielleicht gar nicht einmal so schlecht für das Land.