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  Gebhard Roese - Ihr Texter, Schriftsteller und Journalist.
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Leitkultur und "Deutsch sein" – jenseits der hohlen Sprüche

Das Gerede von einer „Deutschen Leitkultur“, wie wir es hie und da hören, macht Deutschland nicht glaubwürdiger. Schon der gebürtige Deutsche weiß mit dem Begriff kaum etwas anzufangen. Was ist denn bitte „deutsche Kultur“? Deutsche Frauen, deutsche Treue, deutscher Wein und deutscher Sang? Solche Spruchweisheiten konnte man vielleicht einem Studenten des 19. Jahrhunderts zumuten. Wie „deutsch“ unsere Kultur wirklich ist, kann man daran erkennen, wie viele „Ausländer“ an ihrer Entwicklung mitgewirkt haben: die Römer, die Missionare und in Spuren sogar die Araber, von denen unser Zahlenwerk im Wesentlichen stammt. Natürlich hat es nicht daran gefehlt, „uns Deutschen“ eine gemeinsame Identität zu geben, doch bis heute fehlt sie den meisten „Deutschen“, die sich über ihre Landmannschaft definieren. Der „Deutsche“ ist Sachse, Schwabe oder Bayer, und als solcher will die Landsfrau oder der Landsmann gesehen werden. Allein die Un-Kultur, sich nicht auf gemeinsame deutsche Sprache zu einigen, sondern jedes nationale Kauderwelsch als „eigenständige Sprache“ zu verehren, beweist nachdrücklich, wie wenig „deutsch“ sich die Deutschen fühlen.

Damit erst gar keine Missverständnisse entstehen: Ich bin Deutscher von Geburt, und meine Ahnen sind bis bis weit ins 17. Jahrhundert zurückzuverfolgen. Die Geburt macht uns dennoch nicht zu Deutschen, sondern das Bewusstsein dessen, was die Deutschen eint. Und genau an diesem Punkt wird es schon knifflig, denn das wusste nicht einmal dieser Herr von Fallersleben so eindeutig zu sagen.

Deutsche Philosophie, Musik und Dichtkunst, so könnte man sagen, seien die Eckpfeiler, gefolgt von Tugenden wie Fleiß und Zuverlässigkeit. Sicher könnet man auch das humanistische Gedankengut dazurechnen – Freiheit, Gleichheit, Gerechtigkeit – aber das haben nun ja eigentlich die Franzosen erfunden. Und das Christentum, das so viel in den Mund nehmen, wenn om „Deutsch sein“ die Rede ist, stammt gewiss nicht aus der Feder eines Deutschen.

Nehmen wir das alles zusammen, bitte schön: Wo steht dann da die Leitkuh, auf deren Haut wir unsere Leitkultur schreiben könnten? Und weil manche Deutschen gerade jetzt ihr geschichtsloses Gehirn immer gleich zum Maul durchleiten: Die Gleichheit von Mann und Frau ist eine Innovation, die erst mit dem Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland Realität wurde – allerdings nicht in vollem Umfang. Der erzkonservative Kanzler Konrad Adenauer und seine CDU leisteten zunächst gar aktiven Widerstand gegen die Gleichheit von Frau und Mann, und die letzten Reste der Ungleichheit wurden erst 1977, also vor nicht einmal 40 Jahren, im Gesetz beseitigt.

Erstaunlich, wer heute alles die Freiheit und Gleichheit für sich in Anspruch nimmt, insbesondere die Wertschätzung und Gleichberechtigung der Frauen, die sich heute sogar die deutschen Katholiken an den Hut heften. Ich bin gewiss kein Feminist, aber die Gleichheit und Wertschätzung haben sich die Frauen in Deutschland selbst erkämpft.

Wissen Sie, wann ich gelernt habe, Deutsch zu denken? Immer dann, wenn ich im Ausland war – besonders in Südafrika und in Ungarn, aber auch in Skandinavien und im Vereinigten Königreich. Und das Allererste und Wichtigste besteht darin, ein klares Deutsch zu sprechen und Deutschland zu repräsentieren, wann immer es geboten ist. Ich habe niemals eine Leitkultur dazu gebraucht.

Junge Union flicht alte Zöpfe –das Lied der Deutschen

Ach, da will ein gewisser Paul Ziemiak mir sagen, was ich zu fühlen habe. Nämlich dies:

Gerade jetzt, wo so viele Menschen zu uns kommen, sollten wir ein Zeichen setzen, dass unsere Nationalhymne das ausdrückt, was wir fühlen.


Was fühlen den „wir“, lieber Herr Paul Z., seines Zeichens Boss der „Jungen Union“ und gerade mal 30 Jahre alt?

Nehmen wir einmal an, er hätte, wie Kohl und Weizsäcker, die dritte Strophe des Lieds der Deutschen gemeint. Sie heißt:

Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach lasst uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Blüh' im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland!


Ja, ja … das deutsche Vaterland. Als das Gedicht entstand, war Deutschland herzlich uneins – immerhin gab es, wenn ich recht weiß, damals 39 Deutsche „Heimaten“. Klar war also, was von Fallersleben wollte: ein einiges Deutschland. Und das haben wir ja nun. Basta. In Einigkeit und Recht und Freiheit. Sofern wir diese Werte verteidigen.

Und nun ergibt sich die Frage, von diesem Paul Z., was wir denn nun dabei fühlen sollen, oder wollen oder wozu wir vielleicht demnächst gezwungen werden sollen. Soll das Nationalgefühl alle anderen Empfindungen überschatten? Sollen wir Abschied von Europa nehmen? Oder gar unsere persönliche Identitäten verleugnen? Ich persönlich hätte nichts dagegen, wenn man in Schwaben, Bayern oder Sachsen die deutsche Sprache einführen würde statt der dort herrschenden Dialekte.

Aber das ist gar nicht gemeint. Sondern irgendein dubioses Gefühl, das sich offenbar bei dem Wort „Vaterland“ einstellen soll.

Lieber Herr Ziemiak. Ich bin Deutscher, und das schon durch viel mehr Generationen als Sie. Und ich weiß, wie sich „Deutsch sein“ anfühlt – im Inland und im Ausland. Und ich fühle dabei alles, was ich in vielen Auslands- und Inlands-Jahren in mehreren deutschen Bundesländern an Erfahrungen eingesammelt habe. Und ich kann Ihnen versichern: Das ist etwas mehr als der schwammige Begriff vom „deutschen Vaterland“ oder dem „gemeinsamen Fühlen“.

Erinnerungen an Helmut Schmidt

Es war einmal ein Hamburger Senator, der … nein, es ist nicht die Zeit für Märchen. Zum ersten Mal hörte ich von diesem Mann während der Flutkatastrophe in Hamburg. Als Norddeutscher, Hanseat und gebürtiger Bremer mag ich Menschen, die sich am Machbaren orientieren, klare und logisch nachvollziehbare Entscheidungen fällen und sich dann bescheiden zurücknehmen.

Das war also das erste Mal, dass mir der Senator aus Hamburg auffiel. Für mich hat nie eine Rolle gespielt, dass Helmut Schmidt SPD-Mitglied war – ich habe die Person gesehen, und den späteren Bundeskanzler bewundert, der so ganz anders war als der Moralist Brandt oder gar die schrecklichen Menschen, die zuvor Bundeskanzler waren. Adenauer, der ultrakonservative rheinische Katholik schien mir wie aus einer anderen Welt zu sein, Erhard war schrecklich farblos und unsicher, und Kurt Georg Kiesinger so unbedeutend, dass man sich kaum noch an ihn erinnert.

Da regierte er also mit den Freunden aus der liberalen Demokratie, und er macht das ausgezeichnet. Ich hörte in dieser Zeit oft seine Redebeiträge im Bundestag, die meist geschliffen klangen und scharf auf den Punkt kamen. Diese Art, sich zu artikulieren, hatte und hat Seltenheitswert – nicht nur im Parlament. Ob Helmut Schmidt im Jahr 1982 selber die Nase voll hatte vom Regieren gegen die eigene Partei? Man weiß es nicht genau. Tatsache ist aber, dass ihm die FDP in den Rücken fiel. Wenn jemand einem Hanseaten in den Rücken fällt, ist dies ein Vertrauensbruch besonderer Art – man mag manches tun, was ein Hanseat stoisch verzeiht – aber einen Vertrauensbruch nicht.

Ich war am 1. Oktober 1982 im Büro, wo man erstaunlicherweise Fernseher aufgestellt hatte, um die mögliche Abwahl von Helmut Schmidt zu sehen, und für mich brach damit zunächst eine Welt zusammen. Jetzt sollte dieser CDU-Emporkömmling Helmut Kohl, „Birne“ genannt, die Regierung führen?

Sie alle wissen, wie das konstruktive Misstrauensvotum ausging. Das konservative Deutschland jubelte, und schon am nächsten Tag wurden reißerische Plakate aufgehängt: „Jetzt lohnt Leistung wieder." Ein schrecklicher, dummdreister Spruch, der ganz der Verblendung der CDU-Mitglieder damals entsprach. Die alte Clique war wieder an der Macht – so dachte ich jedenfalls damals.

1982 ist lange her – seit über 30 Jahren. Ich in darüber alt geworden, und sowohl die SPD wie auch die Freie Demokratische Partei sind nicht mehr das, was sie damals waren. Die CDU allerdings auch nicht.

Was mich wirklich wurmt, sind diese aalglatten Figuren in der heutigen Politik, die oberflächliche, oft verlogene Reden schwingen. Und dann denke ich: Wann wird es wieder einen so aufrechten, pragmatischen und klugen Menschen geben wie diesen Helmut Schmidt, der nun verstorben ist.

Und manchem jungen Politiker, der jetzt irgendetwas vom Blatt abliest, wenn er nun über den Staatsmann Schmidt spricht, würde ich raten, sein Gehirn einmal auf Hohlräume untersuchen zu lassen.