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Billie Holiday wäre heute 100 geworden

Die Geschichte des Jazz ist voller Legenden und Unwahrheiten. Dabei tritt die Musik oftmals in den Hintergrund. „Alles, was wir über den Jazz wissen, stimmt im Grunde genommen nicht“, sagte der Musikjournalist Wolf Kampmann heute dem MDR-Figaro.

Billie Holiday war eine solche Legende. Eine junge Frau, schwarze Hautfarbe, unehelich geboren – wir so viele so viele junge Frauen in der damaligen Zeit. Welche Rolle spielte da das Privatleben? Es war ein Überlebenskampf in einer komplizierten Gesellschaftsordnung – keine Biografie zum Vorzeigen. Im Jahr 1929 steht sie – 14-jährig – zum ersten Mal in Nachtklubs auf der Bühne. Man wird auf sie aufmerksam, und bereits mit 18 wurde sie zum Star. John Hammond hatte sie entdeckt, und niemand Geringeres als die Ikone des Big-Band-Swings, das Orchester Benny Goodman, nahm mit ihr die ersten Schallplatten auf.

Niemand hätte dieser Billie Holiday damals vorausgesagt, dass sie einmal „die Stimme des Jazz“ werden würde. Im Grunde fehlten ihr alle Voraussetzungen für eine Gesangskarriere: Die Stimme war dünn und zu leise, der Stimmumfang zu gering, und mit zunehmendem Alter wurde ihre Stimme brüchig und rau.

Indessen war diese Stimme so wahrhaftig, so sinnlich und so eingehend, dass sie direkt in die in die Psyche der Menschen einzudringen vermochte. Und musikalisch verstand sie, die Mängel ihrer Stimme in Vorteile zu wandeln. Schon früh passte sie ihren Gesang dem Klang des Saxofons an, wobei sie in ähnlicher Weise improvisierte. Diese Technik gab ihrer Interpretationen jenen einmaligen Charakter, den man bei vielen anderen Jazzsängerinnen vermisste. Auch war sie die erste Jazzsängerin, die sich mit den Möglichkeiten des Mikrofons eingehend beschäftigte – beginnend vom Abstand zum Mund, und nicht endend beim Winkel, aus dem das Mikrofon angesprochen wird.

Mit diesem Stil wurde sie zu einer einmaligen Lichtgestalt des Jazz, eine Erneuerin, Gestalterin und prägenden Kraft der Stimme im Jazz, die für viele Sängerinnen Vorbild wurde, der aber dennoch niemand recht folgen konnte. Wie sollten das auch gehen? Eine schwache Stimme zu imitieren, wenn man Sägerin werden will? Die Psyche eines Menschen nachzuvollziehen, wenn man völlig anders strukturiert ist? Mit den Erfahrungen von Wohlstand und Bürgerlichkeit einer Sängerin zu folgen, deren Lebensgeschichte nichts von alldem kannte?

Wer wirklich innovativ sein wollte, musste anders sein als die Mainstream-Sängerinnen, die ihre Standards mehr oder weniger chic herunterleiern und anders als diejenigen, die dem reinen Blues oder der Ballade folgten. Eine dieser Sängerinnen ist mit Sicherheit Rachelle Ferrell, die allerdings nicht auf den Jazz fixiert ist und die über eine großartige, wandlungsfähige Stimme verfügt.

Man könnte viel, schreiben über Billie Holiday – über die schwarze Hautfarbe, die nicht einmal schwarz genug war, über das Leben am Rande der Gesellschaft trotz ihres Ruhms und über die verdorbene und niederträchtige US-amerikanische Gesellschaft der 1950er Jahre, die sie erniedrigte. Aber das Beste, was wir zu Ihrem Gedenken tun können, ist ihre Stimme zu hören. Sei es das, was sie über die Liebe sang, etwa in „The Man I Love“, sie es die Traurigkeit im „Gloomy Sunday“ oder die Verbitterung in „Strange Fruit“.

Man kann eine Musikerin nicht ehren, wenn man ihr Privatleben zeigt. Musik findet auf der Bühne statt. Billie Holiday wäre heute 100 Jahre alt geworden. Sie starb bereits 1959 mit nur 44 Jahren.

Hinweis: Die Aufnahme ist von 1957, also zwei Jahre vor ihrem Tod aufgenommen.Doch noch immer wirkt die sinnliche Stimme trotz des rauen Charakters.