Man schrieb das Jahr 1960. Das Niveau des deutschen Schlagers konnte kaum noch schlechter werden. Das Hellberg-Duo punktetet in der Hitparade mit der Heimatschnulze „Hohe Tannen“, und auch der Rest machte in Langeweile: Frau Brühl sang die Liebesschnulze „Wir wollen niemals auseinandergehen“, Peter Alexander zählte täglich sine Sorgen, weil er sich „sehr sorgte“ und Vico Torriani gab Nachhilfeunterricht in Geo: „Kalkutta liegt am Ganges“.
Konnte es noch schlimmer kommen? Es konnte, und daran war ein singender polnischer Bergarbeiter schuld. Der hatte ein Lied drauf, dass er wohl mal „irgendwo weggefunden“ hatte – so genau wusste er das wohl selber nicht. Es hieß „Laila“ und handelte von der Sehnsucht nach der schönen Hure gleichen Namens, die in einem Freudenhaus in Algier ihren Dienst tat und offenbar darauf spezialisiert war, Männer süß und grausam zu quälen.
Das Lied kam über ein holländisches Label („Tivoli“) nach Deutschland. Es war weder Gesang noch Musik noch sonst irgendetwas – und es war in keiner Weise von Kumpel Majcherek, der es für Philips mit den „Regento Stars“ einspielte – ein dümmliches Plagiat, mit zeitgemäßem Legionärskitsch nach dem Vorbild von Freddy Quinn angereichert.
Der Schwindel kam natürlich heraus, doch auch heute noch stehen die „Regento Stars“ oder eben Kumpel Majcherek als Urheber unter den Texten.
Aber all das war nichts gegen den Skandal, den eine einzige Liedzeile auslöste: „Laila, nur die eine Nacht erwähle mich, küsse mich und quäle mich“. Besonders die Springer-Presse schäumte, und auch die Moralwächter aus Kirche und Gesellschaft waren bereits hochrot angelaufen: Wie kann man die Liebe zu einer Hure besingen? Zumal in „primitiver, anstößiger Weise“, wie die BILD-Zeitung ihrer Bauarbeiterklientel ins Ohr blies. So, und damit es einmal gesagt wird: Die Musik stammt vom Wiener Komponisten Dol Daubler, der Text von Dr. Fritz Lohner – und die älteste mir bekannte Aufnahme ist von 1932.
Heute kann man nur noch den Kopf schütteln über die Zeit, in der ein gestammelter Sprechgesang über „Küsse und Qualen“ im Freudenhaus einen so großen Publikumsaufruhr hervorrufen konnte. Sei es drum – so ist es eben.
Da viele falsche Texte existieren, hier mal der einzig richtige Text von damals:
Leila, heute Nacht muss ich Dich wiedersehn
Leila, deine schlanken dunklen Glieder sehn
Oh, Leila, für die einen Nacht erwähle mich
Küsse mich, quäle mich
Denn ich liebe Dich nur, Leila.
Quelle(n) unter anderem: SPIEGEL und eigene Recherchen.