Der Zufall will, dass ich oft Parallelen ziehen muss zwischen dem mittelalterlichen Gebrauch von Folterinstrumenten und der Liebe – was Sie vielleicht zum Schmunzeln bringt.
So erfahre ich denn, dass die eiserne Jungfrau zu Nürnberg, einst der Inbegriff mittelalterlicher Folter- und Tötungswut, nun eigentlich nur ein Schandmantel gewesen sei – was mich, wie Sie sich denken können, nicht ruhen ließ.
Wikipedia ist – Sie werden es bemerkt haben – in letzter Zeit unglaublich quellengeil. Mag sein, dass es dadurch zu einer Verwissenschaftlichung kommt, der mancher Artikel zum Opfer fällt – aber hier ist ja nicht Wikipedia.
Die Autoren des frühen 20. Jahrhunderts, in der die Lexikonwelt noch nicht völlig verwissenschaftlicht war, wussten mindestens eines mehr: Die Jungfrau war nicht die eiserne Jungfrau zu Nürnberg, sondern einfach „die Jungfrau“, und wer zu ihr geführt wurde, musste „Die Jungfrau küssen“. Die Sache wird auch gar nicht mit der Inquisition oder gar Hexen in Verbindung gebracht, sondern mit „heimlichen Gerichten“ und Jünglingen, die den „Jungfernkuss“ empfingen.
Es ist nicht genau überliefert, wie der Jungfernkuss vor sich ging – nur soviel kann man nachlesen: Die „Jungfrau“ war ein Tötungsautomat, wobei der Tritt auf eine Falltür die Selbsttötung durch Schwerter oder scharfe Messer auslöste. Ob die mehr oder weniger blumigen Schilderungen von Schwerter tragenden Automaten mit weiblichen Zügen richtig sind, mag bezweifelt werden. Da diese Todesautomaten so gut wie immer über Flussläufen gestanden haben sollen, dürfte auch klar sein, dass die zerstückelten Leichen über die Flussläufe „entsorgt“ wurden.
Sollte diese richtig sein, so ist das Geheimnis kein Geheimnis: Der grausame Tod fand durch andere forciert, aber nicht durch die Hand anderer statt – schließlich musste der Delinquent selbst den Automaten auslösen –eben „die Jungfrau küssen“.