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ihre worte - neu geschrieben
  Gebhard Roese - Ihr Texter, Schriftsteller und Journalist.
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I scream – Ice Cream

Würde ich mich noch sehr für den britischen Jazz der 1950er Jahre Interessieren, hätte ich sicher nicht überlesen, wie „Ice Cream“ in Barbers Repertoire kam. Im Original war es eine lustige Schnulze, die in den 1920er Jahren geschaffen wurde und die sich um das Wortspiel „Ice Cream“ und „I scream“ drehte. Autoren sollen Howard Johnson, Billy Moll, and Robert King gewesen sein.

Das Lied war so gut wie vergessen, als der gegen 1940 wiederentdeckte Posaunist Jim Robinson den Titel im Rahmen des „New Orleans Revivals“ wieder einspielte – obgleich er mit „New Orleans Jazz“ oder „Dixieland“ nicht da geringste zu tun hatte. Er wurde dennoch zum Erfolg und Markenzeichen des Posaunisten. Von hier führ der Weg relativ gradlinig zum britischen Bandleader Chris Barber, ebenfalls Posaunist, der daraus nicht nur einen Hit machte, sondern auch das Markenzeichen seiner eignen Band. Barber, der als Posaunist unumstritten war, wurde von der peniblen deutschen Jazzkritik der damaligen Zeit als einer der „drei bösen B“ (neben Papa Bue und Acker Bilk) diskreditiert. Unter anderem, weil alle drei große wirtschaftliche Erfolge hatten und sie deshalb den beckmesserischen Kritikern nicht als seriös genug erschienen.

Dixieland – Dichtung und Wahrheit

Was ist „Dixieland“? Im Kreuzworträtsel finden wir das Wort als Jazzstil, meist abgekürzt durch „Dixie“, und weil jeder glaubt, schon einmal Dixieland gehört zu haben weiß auch jeder, was Dixieland ist – na ja, so ungefähr.

Da lese ich doch mal in „Wikipedia“ nach und finde folgenden Satz:

Die Stilrichtung des Dixieland entwickelte sich in den 1910er-Jahren aus der Nachahmung des New Orleans Jazz durch weiße Musiker und verbreitete sich von New Orleans aus nach Chicago und New York.


Die Definition ist in jedem Wort fragwürdig, wahrscheinlich sogar völlig falsch. Denn „Dixieland“ war zunächst gar keine Stilrichtung, und erst recht nicht in den 1910er Jahren. (1) Das Wort hieß einfach: «Wir spielen die Musik, die im Süden gespielt wird, also im „Dixieland“». Zwar wurde die Bezeichnung als Erstes von einer Band aus weißhäutigen Musikern verwendet, aber daraus ergibt sich nicht, dass „weißer Jazz“ generell „Dixieland“ heißt. Richtigerweise müsste es heißen, dass sich diese Band (ODJB) als „Jass Band“ aus Dixieland bezeichnete, also als eine Band, die die neue Musik aus dem Süden „schnell“ (nach Art des Jass (2), also jagend, begeisternd, erregend) spielte. Sie hätte sich ebenso gut „Hot Band“ nennen können – denn auch das Wort „Jazz“ gab es noch nicht. Dass es sich bei dieser Musik um eine „Nachahmung des New Orleans Jazz“ handelt, klingt gut, stimmt aber nicht, denn der Begriff „Dixieland Jazz“ für eine Stilform entstand erst später. Vorläufig war es nichts anderes als „die Musik aus dem Süden“. Richtig ist, dass man sie nachspielte – wie jeder junge Musiker die Musik nachzuspielen versucht, die er im Rundfunk, von Schallplatten oder gar im Konzert hörte. Oder haben „schwarze Musiker“ die Musik, die sie hörten, etwa nicht „nachgespielt?“ Richtig ist dann auch, dass sich diese Musik verbreitete – überwiegend durch den Rundfunk und die Schallplatte und sicher nicht nur in Chicago und New York.

Ja – und ganz richtig steht es übrigens im englischen Wikipedia:

Zu der Zeit (1919) gab es keine Probleme mit Unterkategorien des Jazz, und deshalb wies „Dixieland“ auf die Band hin und nicht auf die Musik“.


Das Wort „Dixieland“ wurde erst populär, als man Ende der 1930er Jahre wohl oder übel zu kleineren Formationen zurückkehren musste, die dann jede Art von Jazz aufgriffen, besonders aber verschiedene Kompositionen, die in den 1920er Jahren entstanden waren. Gespielt wurde dabei in ähnlichen Formationen und in einem ähnlichen Stil wie „damals“, jedoch mit dem „frischeren“ Klang routinierter Swing-Musiker. Dabei war das parallel laufende „New Orleans Revival“ eine Nebenerscheinung. Es war ein misslungener Versuch, die „Wurzeln des New Orleans Jazz“ noch einmal zu Gehör zu bringen - viel zu spät und relativ instinktlos, aber dennoch mit einem relativ großen Einfluss auf die britischen Dixielandbands.

Heute ist Dixieland-Jazz in der Tat eine Stilrichtung des Jazz, die auf zahllose Ressourcen zurückgreift – von der „Original Dixieland Jass Band“ über Kid Ory und Jelly Roll Morton bis zu Fats Waller – nebst einigen verjazzten Volksliedern und Schlagern der 1920er Jahre.

Übrigens beeinflussten die Pioniere des Jazz, die man heute dem „Dixieland“ zurechnet, auch moderne Musiker wie den Komponisten und Bassisten Charles Mingus.

(1) in den 1910er Jahren gab es das Wort Jazz als Musikstil noch nicht und auch keine einheitliche Musikrichtung, die so bezeichnet wurde. Wie konnte es dann einen "Jazzstil" geben?
(2) die Herkunft von "Jass" wir mal als frivol bezeichnet (von jiss oder jasm), dann aber auch vom französischen "chasser" hergeleitet. Ich halte das Zweite für wahrscheinlicher.