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ihre worte - neu geschrieben
  Gebhard Roese - Ihr Texter, Schriftsteller und Journalist.
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Aber ich kann eine Gedichtanalyse schreiben …

Kaum hatte Schülerin ihren Unmut über das deutsche Schulwesen zum Ausdruck gebracht, da erntete sie Häme. Leider nicht nur von ein paar dummdreisten Labervögeln. Sonder auch ganz offiziell – im Spiegel.

Die Schülerin hatte sich darüber beklagt, dass die Schule keine praktischen Lebensinhalte vermittelt, sondern an einem veralteten (recht einseitigen) Bildungsideal entlangschrammt, wörtlich:

Ich bin fast 18 und hab keine Ahnung von Steuern, Miete oder Versicherungen. Aber ich kann 'ne Gedichtanalyse schreiben. In 4 Sprachen.


Kaum war’s geschrieben und veröffentlicht, da prügelte man auf sie ein. Der SPIEGEL ließ sich nicht nehmen, einen Kommentar in Auftrag zu geben, der das Schulwesen heiligt. Er lässt durch den Autor Michail Hengstenberg schreiben:

Dabei liegt gerade in der scheinbaren Sinnlosigkeit dessen, was zum Beispiel in der Schule gelehrt wird, ein großer Sinn, den wir uns unbedingt bewahren sollten.


Mit Verlaub: Sind das Argumente? Ein bisschen in der Schule herumzusitzen, sich ein bisschen daran zu üben, wie man vielleicht denken und was man vielleicht interpretieren könnte? Ein klein wenig lernen, die Aversionen gegen den Zwang zu überwinden? Letztlich zufrieden damit zu sein, lebenslang etwas Sinnloses zu tun?

Ich sage dazu ein klares „Nein“. Wenn die Schule schon keinen offenkundigen, sondern nur einen verdeckten Sinn hat, wie, bitte schön, soll dann dem Leben ein offenkundiger Sinn abgerungen werden?

Bleiben wir doch noch einen Moment dabei: „Aber ich kann eine Gedichtanalyse schreiben – was bedeutet, bereits tausendfach existierende Interpretationen nochmals zu zerkauen, bis nichts vom Gedicht mehr übrig bleibt als ein lächerlicher Abklatsch der Worte.

Das ist eigentlich zum Abkotzen, auch falls es noch einen verborgenen Sinn haben sollte. Aber dann sollte man wenigstens dies sagen: Ja, wir sezieren heute ein Gedicht, das ist ungefähr das Gleiche wie einen Leichnam zu sezieren – es sagt uns etwas über die physischen Strukturen eines Menschen, aber nicht über das Leben dieser Person.