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ihre worte - neu geschrieben
  Gebhard Roese - Ihr Texter, Schriftsteller und Journalist.
  Mobil 016093095395.

Ein unbequemes Wort zum Schulanfang

Nicht für die Schule, für das Leben lernen wir“, sagten die alten Pädagogen und sahen ihre Kinderchen dabei so hold und weise an, dass diese glaubten, der Herr Lehrer habe die Weisheit mit Suppenlöffeln gegessen.

Es dauerte ein paar Jahre, bis ein geschiedener Mann mit Monokel, der auffällig mit weiblichen Lehrkräften flirtete, den Klassenraum betrat und uns ebenso weise diese Worte sagte: „Ob das, was ihr hier lernt, wirklich für das Leben ist oder eher für die Schule, wird sich erst später erweisen“.

Wissen und Verstehen - konzentriert sich die Schule zu sehr auf das Wissen?

„Später“ – das ungeliebte Lernen von Königs- und Kaiserabfolgen in Geschichte brachte uns kein Geschichtsverständnis, die Geografie brachte uns die Menschen nicht näher, der Deutschunterricht entfremdete uns von der Gegenwartsliteratur, der Schulaufsatz vermieste mir persönlich das Schreiben. Wir hörten, dass Beethoven, Mozart und Wagner große Musiker waren, den Göttern bereits recht nahe, begriffen aber niemals, warum.

Ich nahm aus meiner Schulzeit dies mit: In der Schule lernen wir, um zu wissen, aber nicht, um zu verstehen. „Verstehen“ ist schwerer abzufragen als Wissen, und die Königsdisziplin des Verstehens, das Erkennen von Zusammenhängen, wurde damals noch nicht gelehrt. Das soll sich ein wenig geändert haben – aber Problemlösungskompetenz wird immer noch nicht ausreichend vermittelt. Die kybernetischen Zusammenhänge des Seins und Werdens sind fest in die Biologie eingegangen – die Philosophie hat sie abgewählt.

Glück und Lebenskunst sind keine Schulthemen

Wir erfuhren wenig vom Glück und noch weniger von der Lebenskunst – im Gegenteil - Lebenskünstler wurden uns als schlimme Randsiedler hingestellt, die davon leben, anderen zu schaden. Ich höre selten, dass an unseren Schulen von Glück und Lebenskunst die Rede ist.

Selbst gebildete Menschen verwechseln Charakter und Verhalten

Was die Schule von Menschen lehrt? Man merkt an den Äußerungen gebildeter Erwachsener, dass sie nicht zwischen Charakter und Verhalten unterscheiden können. Die Kombination analoger und digitaler Kommunikation, die uns erst zu Menschen macht, wird in der Schule sträflich vernachlässigt. Ich bin vollends überzeugt davon, dass nicht einmal alle Lehrer etwas damit anfangen können.

Eindimensionales Wissen - Systeme sind dem Menschen fremd

Eine böse Folge des Schulwissens ist auch, sich Systemen nicht nähern zu können. Dieser Umstand ist inzwischen zu einer wahren Volkskrankheit geworden, die vor allem gebildete Menschen befällt. Ein Liebes- oder Ehepaar besteht nicht aus „Ihm“ und „Ihr“, sondern beide bilden ein neues Ganzes. Wir können uns dem Gebilde „Paar“ nur nähern, wenn wir es als Ganzes sehen. Gewöhnliche Menschen und ganze gewöhnliche Paartherapeuten tun es, aber viele Paarforscher tun es nicht.

Gegensätze wie im Altertum - die falsche Sichtweise

Das Schlimmste: Wir lernen, uns auf Gegensätze im Sein zu konzentrieren, statt sie im Zusammenhang zu sehen. Wenn jemand extravertiert ist, dann lebt er nach außen, ist er introvertiert, dann ist sein Leben ganz auf die Verinnerlichung eingestellt. Dieses Menschenbild, das wir durchgängig erlernen, geht aber an unserer Persönlichkeit vorbei, die beides enthält.

Die Wirtschaft schult um, die Gesellschaft bleibt stecken

Die Wirtschaft weiß, dass sie immer noch völlig neu bilden muss, wenn Schulabgänger in die Betriebe kommen – gleich, welchen „Bildungsstand“ sie haben. Die Gesellschaft aber bietet derartigen Nachhilfeunterricht nicht. Sollte uns dies nicht zu denken geben? Ich meine: ja.

Was meinen Sie?

Saure Gurken, Facebook, die Loverboys und Springer

Ich bin persönlich kein Facebook-Fan, weil ich der Meinung bin, dass unser Privatleben privat bleiben sollte, und dazu passen eben gewisse Aufforderungen, mit denen FACEBOOK oder Badoo ihre Erstbenutzer verlocken, auf keinen Fall. (Ja, ich meine die Offenlegung der E-Mail-Kontakte).

Indessen beobachtete ich vor einiger Zeit eine jener sauren Pressgurken, die der Springer-Verlag aus dem Glas ließ: Als sogenannte LoverBoys werden Zuhälter bezeichnet, die im Internet nach meist jugendlichen, unbefangenen Opfern suchen. Die Artikel dazu wurden in der WELT im letzten Herbst unter drei verschiedenen Überschriften veröffentlicht:



Prostitution: Mädchen in den Fängen von Loverboys
Prostitution: Mädchen in den Fängen skrupelloser Loverboys
Nach der Schule auf den Strich: Mädchen in den Fängen von Loverboys


Nun, zur Saure-Gurken-Zeit, kommt der Begriff „Facebook“ dazu, und nun heißt es:

Die furchtbare Sex-Falle der Zuhälter auf Facebook
Zuhälter locken Mädchen per Flirt auf Facebook in Sex-Falle


Damit werden vor allem Ängste geschürt, und wenngleich die angebliche Aufklärung (bestehend aus den üblichen Plattheiten) gelegentlich nachgeliefert wird, bleibt doch der schale Geschmack im Mund, dass man seitens des Springer-Verlags mal wieder alles riskiert hat, um eine Sensation zu konstruieren. Dass die ganze Sache nicht ursächlich eine FACEBOOK-Angelegenheit ist, sondern eine Frage des Gebrauchs und Missbrauchs neuer Kommunikationsmedien, ist selten zu lesen. Dazu müsste man ja als Journalist selber etwas wissen und dies zudem noch dem Leser erklären – viel zu kompliziert für die meisten Medien.

Über die Absichten schreibt Stefan Plöchinger in der „Süddeutschen Zeitung“:

Ängste sind für Journalisten etwas Grenzerotisches. Über Ängste zu berichten, sie zu schüren, mit ihnen zu spielen, ist die Verlockung dieses aufmerksamkeitsheischenden Berufes, weil Leser oder Zuschauer viel über Dinge erfahren wollen, die ihnen Angst machen. Besonders viel Angst macht bekanntlich das Unbekannte, besonders erotisch ist das Sexuelle, und da kommen nun aktuell Facebook und die Bild-Zeitung ins Spiel.


Womit der Name genannt wurde: BILD-Zeitung. Sie titelte unter anderem "Polizei holt Facebook-Mädchen vom Strich". Nun wäre das nicht weiter schlimm, wenn die BILD-Nachricht nicht auch von Springers Edel-Gazette WELT verbreitet worden wäre – und wenn es schon BILD und WELT verbreiten, dann macht sich auch „Frauenzimmer“ und der Rest der Nachverwerter daraus ein Weltbild und schürt die Angst der Frauen: „Unglaublich: Zuhälter ködern Mädchen per Facebook“.

Das Ganze wird nur noch übertroffen von der extrem effekthascherischen Gazette Rentner-News, die in Blogform existiert: Sie überschrieb sogar über die jüngste angebliche „Affäre“ des Christian von Boetticher reißerisch mit „Facebook: CDU-Loverboy verführt Minderjährige zum Sex“.

Womit einmal mehr bewiesen wäre: Korrekte Information ist schwierig und braucht Zeit für die Recherche, Sensationsmache ist schnell in die Tasten gehackt.

Sammelsurium im Sommerloch: Lolita

Was macht man als Journalist(in), um das Sommerloch zu füllen? Man könnte es mit dem Ungeheuer von Loch Ness versuchen, aber das interessiert sich nicht mehr für Sommerlöcher, weil Schottland auch ohne Seeungeheuer touristisch außerordentlich gefragt ist. Da gerade keine passenden Hurenaffären zur Verfügung stehen, hatte man fürs Sommerloch eigentlich Yvonne erfunden – nur sie ist leider eine Kuh, und wer interessiert sich auf Dauer schon für dumme Kühe?

Da endlich kam den deutschen Journalistinnen und Journalisten der Zufall zur Hilfe: „Wenn über eine alte Sache mal endlich Gras gewachsen ist, kommt sicher ein Kamel gelaufen, das alles wieder runter frisst“. Der Name des Kamels steht noch aus, der Name der Sache aber ist für den Verdummungsjournalismus klar: Lolitakomplex.

Ob Lolita-Affäre, Lolitagate (Süddeutsche) Lolita-gate, Lolita-Affäre, Lolitalapsus (FOCUS), „Lolita für Loser“ (Stern) oder Lolita-Komplex (Zeit) – überall wird der Name herumgeschleudert. Dabei wird verfälscht und geklittert, was das Zeug hält: Die literarische „Lolita“ war 12, die angebliche Lolita ist 16, und der wissenschaftlich klingende Begriff Lolita-Komplex stammt von einem Autor semi-erotischer Romane.

Ach, fragen Sie mich doch bitte nicht, was ich davon halte – Sommerloch ist Sommerloch, da legt man die Wahrheit nicht auf die Goldwaage. Fragt sich bloß, ob die Leserinnen und Leser der deutschen bürgerlichen Presse so dumm sind, auf die teils haarsträubenden Thesen der Kommentatorinnen und Kommentatoren hereinzufallen.