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  Gebhard Roese - Ihr Texter, Schriftsteller und Journalist.
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BILD: Die Verhöhnung von Dutschke kommt zum Schluss

Man kann einem Menschen nachsagen, er sei gefühllos – die meisten wird es kaum interessieren. Aber eines sollte man einem Menschen nicht nachsagen: dass er wirkungslos war. BILD bliebt der traditionellen Anti-Dutschke Linie des Hauses Springer treu und verhöhnt Rudi Dutschke so:

„Seine Leistung (war) zum Mythos zu werden.“

Zum Mythos? Soll ich hier einmal die Personen aufzählen, dien in der deutschen Geschichte zum Mythos geworden sind, ohne selbst Nennenswertes bewirkt zu haben? Muss denn eine Person, die zum Mythos wird, wirklich persönlich Dinge bewegen? Reicht es nicht, dass ein Name für eine Zeit steht? Dutschke steht für die 1968er, und die 1968er stehen für die entscheidenden Veränderungen im deutschen politischen Selbstbewusstsein.
Dann lässt BILD den Filmkritiker Claudius Seidl zu Wort kommen. Der 1959 geborene Seidel war gerade mal 9 Jahre alt, als die Sache mit den 1968ern begann – so jemand eignet sich natürlich ausgezeichnet als Zeitzeuge. Der schrieb (nach BILD-Angaben) in der FAS: „Die Welt ist besser geworden seit damals. Aber das Verdienst von Leuten wie Rudi Dutschke daran ist relativ gering.”

Das Gleiche könnte man von Willy Brandt und Helmut Kohl auch sagen – nur wagt das niemand. Aber von Rudi Dutschke kann man es offenbar behaupten – zumal in der FAS.

Dutschke und Springer – ewige Patrioten, ewige Feinde?

Irgendwie hatte alles damit begonnen, dass wir von „Persilscheinen“ hörten. Sie wurden von den Alliierten in gutem Glauben für Deutsche ausgestellt, die eigentlich alte Nazis waren, die aber auf die eine oder andere Art Menschen fanden, die für sie bürgten. So bekamen sie die begehrten Unbedenklichkeitsscheine, die man wegen der „Reinwaschung“ spöttisch „Persilscheine“ nannte.

Wir hörten von diesen Persilscheinen, weil einige ältere Beamte in unserer Wohngegend solche Scheine hatten – Personen, deren Vergangenheit man kannte. Als ich mit glücklichen zwölf Jahren von einer nazifreien Volksschule auf ein Gymnasium wechselte, wusste ich, worum es ging: Der „Muff von tausend Jahren“ saß noch überall, und selbst bei denen, die keine „guten Nazis“ gewesen waren, saß noch das „deutsch nationale“ Gedankengut in allen Gehirnwindungen.

Das Problem in Nachkriegsdeutschland waren denn auch nicht die alten Nazis – es war deren geistiger Hintergrund, der in die neue Demokratie eingeschleppt wurde. Der neue Kanzler Adenauer konnte dies gar nicht verhindern, den er baute seine Demokratie mit den Menschen der Vergangenheit auf den Werten des Bürgertums vor dem Ersten Weltkrieg auf. Die Kultur eines längst maroden Bürgertums, gemischt mit der Moral der katholischen Kirche und dem Duckmäusertum des deutschen Volkes – das war Adenauers politische Strategie.

Das war genau die Situation, in die Rudi Dutschke hereinbrach. Die Rest-Naziideologie, das vermuffte Bürgertum, die offenkundige Durchsetzung des Staates mit Kirchenmoral – das erschreckte viele Deutsche, nicht nur Dutschke. Doch ebenso viele Deutsche hatten sich bereits Freiräume geschaffen und pfiffen auf die Alten, die das Zepter nicht aus der Hand geben wollten. Was Dutschke sagte, was er wollte und wofür er letztlich stand, begriffen sowieso nur gestandene Marxisten – und bitte: Wer war schon Marxist?

Ein Mann schwang sich zu Dutschkes Widersacher auf: der Verleger Axel Cäsar Springer. Er war einer der konservativen Erneuerer, aber er hatte den Kampf gegen den Muff der Nazizeit längst aufgegeben und statt dessen einen moralischen Kampf für die Aussöhnung mit den Juden gekämpft – das war ein glatterer Kampf, der nicht so viele Fallstricke enthielt. Doch beide Männer – Dutschke und Springer – waren deutsche Patrioten. Menschen, die nichts als eine besser Zukunft ihres Landes im Kopf hatten – nur schlugen beide völlig unterschiedliche Wege dabei ein. Wie auch immer: Im Hause Springer wurde Dutschke zum Feind – und daran hat sich bis heute kaum etwas geändert: Wer die Fahne der deutschen Konservativen hochhält, für den sind die 1968er immer noch ein Ärgernis und kein Segen für das deutsche Volk.

So mag es denn kommen, dass sich die Frontlinie nicht geändert hat: Dutschke steht da wie der Buhmann, und man muss mit Engelszungen und Teufelskrallen argumentierten, um eine Straße nach ihm zu benennen, und der Verlag Springer ist sein Gegenpol: ein Hort des konservativen Deutschlands. Irgendwo in Berlin kreuzen sich Axel-Springer-Straße und Rudi-Dutschke Straße: Hier ist der einzige Ort, an dem zwei Patrioten aufeinandertreffen, die nie etwas voneinander lernen wollten, und wohl auch nichts voneinander lernen konnten.

Wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser: Es ist schade, dass Deutsche sich nicht einmal über den Gräbern der damaligen Gegner versöhnen können. Heute schreibt Springers „WELT“, dass die „historischen Fakten“ in der Dokumentation über Dutschke, die im ZDF ausgestrahlt wird, „gefälscht“ seien. Bitte ersparen Sie mir jeden Kommentar dazu. Es ist ohnehin aussichtslos.

Ein Nachtsatz: Nicht aussichtslos fand Stefan Niggemeier die Sache und zeigte auf, was Dichtung uns was Wahrheit ist.

Die WELT und die Legendenbildung um ein Grabtuch

Man könnte sich die Haare ausraufen über die katholische Kirche – und nicht wegen der Missbrauchsfälle, sondern wegen ihres hartnäckigen Festhaltens an Legenden.

Ein Beispiel dafür ist das sogenannte „Turiner Grabtuch“ – ein mittelalterliches Stück, nach einer heute nicht mehr bekannten Methode von Künstlerhand hergestellt, ist sicher ein interessantes Kunstwerk – aber es hat so gar nichts mit dem Grabtuch des Religionsstifters zu tun, den die Christen den Christus nennen, und der eigentlich in seriösem Journalismus immer „Jesus von Nazareth“ heißen müsste. Der bekannte WELT-Kolumnist Paul Badde redet die Sache für die katholische Kirche schön: „… Beweisen lässt sich natürlich nicht, dass die "Santa Sindone" tatsächlich das Grabtuch Christi ist. Ähnlich sieht es mit allen Gegenbeweisen aus.“ Na klar – erst einmal irgendwelche Behauptungen in die Welt setzen, und dann sagen, dass die Gegner ja sowieso keine besseren Argumente hätten. Der Glaube schickt die gleichen Argumente ins Rennen wie der Aberglaube: Beweisbar ist Astrologie nicht, aber der Gegenbeweis wurde auch nie angetreten.

Budde verkennt, dass es Hilfskriterien gibt, mithilfe derer man sehr wohl feststellen konnte, dass dieses Grabtuch aus dem Mittelalter stammt, wenngleich es sich nicht genau datieren lässt. Er verkennt auch, dass keines der Bücher der Christenheit (womit nicht nur die bekannten Apostelgeschichten und Evangelien gemeint sind) ein solches Grabtuch erwähnt. Es tauchte einfach so auf – nicht einmal zur Freude aller Katholiken, denn auch im Mittealter gab es ehrenwerte Leute, die dererlei Dinge nicht für den Ausdruck des reinen Glaubens hielten.

Statt dessen heißt es im WELT-Text: „Gewiss ist Folgendes: In diesem Laken lag einmal ein Mann, dem exakt das Gleiche widerfuhr, was Jesus von Nazareth nach Auskunft der Evangelien geschehen ist“. Das ist, mit Verlaub, nicht gewiss, sondern eine Hypothese.

Selbst die Geistlichkeit sagt deutlich, was dieses Tuch nicht ist: „Unser Glaube stützt sich auf das Evangelium, und nicht auf dieses Tuch“, der WELT-Kolumnist erwähnt den Satz, doch offenbar ist er damit unzufrieden und zitiert aus seinem Evangelium. Mag sein, dass der Glaube Berge versetzt und auch Leintücher bemalt. Doch wollen wir so etwas wirklich lesen?