Irgendwie hatte alles damit begonnen, dass wir von „Persilscheinen“ hörten. Sie wurden von den Alliierten in gutem Glauben für Deutsche ausgestellt, die eigentlich alte Nazis waren, die aber auf die eine oder andere Art Menschen fanden, die für sie bürgten. So bekamen sie die begehrten Unbedenklichkeitsscheine, die man wegen der „Reinwaschung“ spöttisch „Persilscheine“ nannte.
Wir hörten von diesen Persilscheinen, weil einige ältere Beamte in unserer Wohngegend solche Scheine hatten – Personen, deren Vergangenheit man kannte. Als ich mit glücklichen zwölf Jahren von einer nazifreien Volksschule auf ein Gymnasium wechselte, wusste ich, worum es ging: Der „Muff von tausend Jahren“ saß noch überall, und selbst bei denen, die keine „guten Nazis“ gewesen waren, saß noch das „deutsch nationale“ Gedankengut in allen Gehirnwindungen.
Das Problem in Nachkriegsdeutschland waren denn auch nicht die alten Nazis – es war deren geistiger Hintergrund, der in die neue Demokratie eingeschleppt wurde. Der neue Kanzler Adenauer konnte dies gar nicht verhindern, den er baute seine Demokratie mit den Menschen der Vergangenheit auf den Werten des Bürgertums vor dem Ersten Weltkrieg auf. Die Kultur eines längst maroden Bürgertums, gemischt mit der Moral der katholischen Kirche und dem Duckmäusertum des deutschen Volkes – das war Adenauers politische Strategie.
Das war genau die Situation, in die Rudi Dutschke hereinbrach. Die Rest-Naziideologie, das vermuffte Bürgertum, die offenkundige Durchsetzung des Staates mit Kirchenmoral – das erschreckte viele Deutsche, nicht nur Dutschke. Doch ebenso viele Deutsche hatten sich bereits Freiräume geschaffen und pfiffen auf die Alten, die das Zepter nicht aus der Hand geben wollten. Was Dutschke sagte, was er wollte und wofür er letztlich stand, begriffen sowieso nur gestandene Marxisten – und bitte: Wer war schon Marxist?
Ein Mann schwang sich zu Dutschkes Widersacher auf: der Verleger Axel Cäsar Springer. Er war einer der konservativen Erneuerer, aber er hatte den Kampf gegen den Muff der Nazizeit längst aufgegeben und statt dessen einen moralischen Kampf für die Aussöhnung mit den Juden gekämpft – das war ein glatterer Kampf, der nicht so viele Fallstricke enthielt. Doch beide Männer – Dutschke und Springer – waren deutsche Patrioten. Menschen, die nichts als eine besser Zukunft ihres Landes im Kopf hatten – nur schlugen beide völlig unterschiedliche Wege dabei ein. Wie auch immer: Im Hause Springer wurde Dutschke zum Feind – und daran hat sich bis heute kaum etwas geändert: Wer die Fahne der deutschen Konservativen hochhält, für den sind die 1968er immer noch ein Ärgernis und kein Segen für das deutsche Volk.
So mag es denn kommen, dass sich die Frontlinie nicht geändert hat: Dutschke steht da wie der Buhmann, und man muss mit Engelszungen und Teufelskrallen argumentierten, um eine Straße nach ihm zu benennen, und der Verlag Springer ist sein Gegenpol: ein Hort des konservativen Deutschlands. Irgendwo in Berlin kreuzen sich Axel-Springer-Straße und Rudi-Dutschke Straße: Hier ist der einzige Ort, an dem zwei Patrioten aufeinandertreffen, die nie etwas voneinander lernen wollten, und wohl auch nichts voneinander lernen konnten.
Wissen Sie, liebe Leserinnen und Leser: Es ist schade, dass Deutsche sich nicht einmal über den Gräbern der damaligen Gegner versöhnen können. Heute schreibt Springers „WELT“, dass die „historischen Fakten“ in der Dokumentation über Dutschke, die im ZDF ausgestrahlt wird, „
gefälscht“ seien. Bitte ersparen Sie mir jeden Kommentar dazu. Es ist ohnehin aussichtslos.
Ein Nachtsatz: Nicht aussichtslos fand
Stefan Niggemeier die Sache und zeigte auf, was Dichtung uns was Wahrheit ist.